18.02.2012 - Presse

Die humane Welt selbst einfordern – Interview zum Buch “Keine Angst vor den Angstmachern”

Die humane Welt selbst einfordern

Ein Interview mit dem Journalisten, Betriebsrat und Buchautor Thomas Ducks.

Der 1. Mai war lange ein Datum, an dem Arbeitnehmer kraftvoll ihren Standpunkt vertraten. Heute ist davon wenig geblieben. In der Arbeitswelt steigt der Druck, Reallöhne sinken, Schutzrechte werden ausgehöhlt. Gegen diese Tendenzen setzt sich der Rottweiler Thomas Ducks ein. Der promovierte Ethnologe und Politikwissenschaftler zeigt in einem Buch unter dem Titel „Keine Angst vor den Angstmachern“ Ansätze für eine gerechtere Bürgergesellschaft auf. Im Gespräch mit der NRWZ erläutert der Wirtschaftsredakteur im Mantelressort des „Schwarzwälder Boten“, der seit Frühjahr 2010 auch Vorsitzender des dortigen Betriebsrates ist, seine Vorschläge.

Interview: Andreas Linsenmann

NRWZ: Herr Dr. Ducks, historisch hat der 1. Mai große Bedeutung – abgesehen davon, dass er gerade von den Nazis zum Feiertag gemacht wurde. Aktuell ist er allerdings kein Datum mehr, an dem Arbeitnehmer dynamisch ihre Interessen vertreten – warum?

Das hat sicher damit zu tun, dass die Arbeiterbewegung ab dem 19. Jahrhundert so etwas wie eine „Sozialdemokratisierung“ von vordem stark hierarchisch organisierten Gesellschaften erkämpft hat. Viele Schutzrechte konnten verankert werden, die Arbeitswelt wurde humanisiert. Dieser soziale Fortschritt hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Leute an Kampfbereitschaft verloren und den 1. Mai nur noch als Feiertag verstanden haben; alles schien doch bestens geregelt. Allerdings zeigt sich, dass da wieder ein Wandel stattfindet, weil Arbeitnehmer immer öfter mit schlechten Arbeitsbedingungen konfrontiert werden. Die Arbeitswelt wird wieder ein Stück entmenschlicht – so besagen es zumindest zahlreiche Untersuchungen. Beispielweise nimmt die Tarifbindung ab. Die abhängig Beschäftigten merken, dass diese Entwicklung an ihre Grundrechte geht. Ohne solche Rechte ist der Einzelne aber der wirtschaftlichen Macht der Arbeitgeber total ausgeliefert.

NRWZ: Ein Résistance-Veteran, der 93jährige Stéphane Hessel, hat in einer Streitschrift dazu aufgefordert, sich zu empören und Widerstand gegen Missstände zu leisten. In Frankreich ist Hessel auf enorme Resonanz gestoßen, in Deutschland hatte er kaum Widerhall. Fehlt in Deutschland ein wirklich kämpferisch-kritischer Zeitgeist?

Das würde ich so nicht sagen. Beide Länder haben verschiedene geistige Traditionen. Nicht von ungefähr gab es 1789 in Frankreich die Revolution. In Deutschland hieß es nach einem Satz des Großen Kurfürsten immer: „Dem Untertan ist es nicht gestattet, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen.“ Die Rollenverteilung war klar: Wir denken, ihr habt zu gehorchen. Das hat geprägt, vielleicht bis in die Gegenwart. Der Journalist Günter Wallraff zum Beispiel beklagt sich zu Recht darüber, dass die Zivilcourage in Deutschland grausam unterentwickelt sei. Aktuell scheint mir in Deutschland die Bereitschaft zu sagen, dass man mit etwas nicht einverstanden ist, noch unterentwickelt zu sein – zum Beispiel bei Belegschaften. Ich stelle jedoch fest, dass die Gewerkschaftsbewegung wieder mehr Zuspruch findet. Es gibt einen erfreulichen Zuwachs an Mitgliedern. Viele Leute, insbesondere auch junge Menschen, verstehen, dass es eine Umverteilung von unten nach oben gibt, gegen die man sich nur gemeinsam erfolgreich zur Wehr setzen kann.

NRWZ: Hessel hat einen 14-Seiten-Aufruf geschrieben, Sie haben schon einige Monate früher ein Buch mit 270 Seiten-Buch mit dem Titel „Keine Angst vor den Angstmachern“ verfasst, in dem Sie vielfach dieselben Themen ansprechen. Was hat sie veranlasst, sich so breit und intensiv mit aktuellen Problemen auseinander zu setzen?

Vor allem hat mich aufgewühlt, dass die Verteilungsungerechtigkeit wächst – in Deutschland und der Welt. Als Bürger macht mich das besorgt, denn eine wachsende materielle Kluft in der Gesellschaft führt dazu, dass unter Umständen die Demokratie in Gefahr gerät. Es geht mir aber nicht nur um Verteilungsgerechtigkeit. Eminent wichtig ist aus meiner Sicht auch die ungelöste Umweltproblematik. Wir brauchen dringend einen Wandel im Lebensstil. Und als drittes entscheidendes Feld spreche ich in meinem Buch Wertekonflikte zwischen Religionen und Kulturen an, die sich immer wieder grausam entladen. Das sind die Themen, die wir meines Erachtens ganz dringend bearbeiten müssen.

NRWZ: Wer sind denn die „Angstmacher”, von denen Sie im Titel sprechen?

Das sind diejenigen Manager und Geschäftsführer, die ganz bewusst mit den Ängsten der Menschen vor Arbeitslosigkeit und Verarmung spielen, um sie so gefügig zu machen für weitere Einschnitte oder Lohnkürzungen. Das Geschäft mit der Angst funktioniert prächtig und wirft große Renditen ab, zerstört aber langfristig unsere Sozialordnung und gefährdet die Demokratie. Angstmacher sind also Leute, die nur darauf aus sind, für sich den „besten Schnitt“ zu machen – ohne Rücksicht auf die anderen, denen sie auch noch die angebliche „Alternativlosigkeit“ predigen. Sie lassen den Kernsatz der Ethik sträflich außer Acht, nämlich, dass man andere stets so behandelt wie man selber auch behandelt werden möchte. Man darf Menschen keine Lebensumstände aufzwingen, die ich selber unerträglich finde. Aber das interessiert diese Leute, deren Zahl mit dem Neoliberalismus stark gewachsen ist, nicht. Sie denken: Nach mir die Sintflut. Die Folgen haben wir 2007/2008 in der Weltfinanzkrise gesehen, die uns alle an den Rand einer Katastrophe gebracht hat.

NRWZ: Die Finanzkrise deuten Sie in Ihrem Buch als fundamentale Sinnkrise des Kapitalismus und seines Menschenbildes. Was meinen Sie damit?

Die Sinnkrise besteht darin, dass uns diese Denkweise von der Ausbeutbarkeit der Natur und ihrer Bewohner an den Rand des Abgrunds bringt – sei es in der Finanzwelt oder zum Beispiel bei der Umwelt. Dabei werden die Folgen sozialisiert und eine wachsende Polarisierung der Gesellschaften in Kauf genommen. Es gibt immer mehr Menschen, die von dem, was sie erarbeiten, nicht leben können. Das wird dann dem Staat bzw. der Allgemeinheit aufgebürdet. Auf der anderen Seite wird die Clique der Gutverdienenden weltweit größer; der Anteil am Volksvermögen, den sie für sich beanspruchen, wächst. Das ist eine Entwicklung mit enormer gesellschaftlicher Sprengkraft. Gleichzeitig fühlen sich Wirtschaftsleute offenbar immer weniger an die Regeln von Fairness und Sozialpartnerschaft gebunden. Sie treten mit einem Selbstverständnis auf, dass die Gesellschaft nur noch ein geduldetes Anhängsel der Wirtschaft sei. Und da schreibt man dann drüber: Es gibt keine Alternative. Das ist für mich Gehirnwäsche hoch zwei und wir müssen uns dagegen wehren, weil es immer andere Wege gibt.

NRWZ: Welche Wege sehen Sie?

Für mich steht am Anfang, dass der Mensch ein in die Verantwortung genommenes Wesen ist. Es gibt keinen gewissensfreien Raum. Jeder ist aufgefordert, sich zu fragen: Bin ich mit dem, was in der Welt passiert, einverstanden oder nicht? Die „Welt“ ist ja nichts Feststehendes, sondern beginnt bei uns. Wir erschaffen sie in jedem Augenblick unseres Lebens durch unser Tun beziehungsweise durch unser Unterlassen. Dem liegt ja stets eine Entscheidung zugrunde. Und darin knüpft sich unsere persönliche Verantwortung für eine gesunde, lebenswerte und freundliche Welt. Sie anderen zu überlassen, für die sie vielleicht nur ein Schlachtfeld ihrer Gier nach Luxus und Macht ist, wäre fatal. Wer eine humane Welt will, in der es möglichst allen gut geht, muss sie selber auch einfordern und durch sein Verhalten erschaffen. Dazu gehört, dass man nicht zu jeder neuen Grausamkeit in der Arbeitswelt und jedem Billigprodukt aus Fernost Ja sagt. Das hat Konsequenzen auch für unsere Art zu leben. Jeder hat Verantwortung für die Gestaltung der Welt und dass diese Welt eben nicht zu einem Armenhaus oder Gefängnis wird.

NRWZ: Während der Finanzkrise schien ein Weg zu sein, Banken wieder schärferen Regeln zu unterwerfen. Jetzt zeigt sich, dass vieles weiterläuft wie bisher. Warum funktioniert es nicht, diesen Kräften etwas entgegen zu setzen?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen hängt es am Personal. Man kann von denen in den Parteien und Regierungen, die gestern noch Wegbereiter des Neoliberalismus waren, keine grundlegenden Reformen erwarten. Darüber hinaus ist die notwendige Internationalisierung der Politik und der Gewerkschaftsbewegung noch nicht wirklich gelungen. Firmen dagegen denken und handeln global. Wenn ein Staat nicht gefügig ist, zieht man das Geld ab und geht dahin, wo die Rahmenbedingungen noch günstiger sind. Ich vermisse staatenübergreifende Antworten auf das Erpressungspotenzial des Kapitals. Auf Deutschland bezogen, würde ich sagen, dass seit mehr als 20 Jahren Politikansätze fehlen, die Themen wie Verteilungsgerechtigkeit beackern. Selbst die „Agenda 2010“ von Rot-Grün hat Prekarisierungsängste befördert und zum Preisverfall der Ware Arbeit beigetragen. Stichworte dazu sind die Ausweitung der geringfügigen Beschäftigung, die Etablierung der Leiharbeit als Disziplinierungsmittel, das Abrücken vom Gleichbehandlungsgrundsatz bei der Bezahlung durch Tarifverträge sowie die Hartz-Gesetzgebung. Die Schutzrechte von Arbeitnehmern in Deutschland sind in den Keller gefallen.

NRWZ: Was schlagen Sie vor?

Ich schlage ein ganzes Bündel von Maßnahmen vor. Aber entscheidend ist aus meiner Sicht, dass wir in unserer Bürgergesellschaft mehr innerlich freie, unerschrockene Persönlichkeiten brauchen, die sich in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen – nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch am Arbeitsplatz, der ja kein rechtsfreier Raum ist, auch wenn man manchmal genau diesen Eindruck gewinnen kann. Wir brauchen keine Menschen, die total angepasst sind und brav alles schlucken, was man ihnen an neuen Zumutungen vorsetzt. Eingeschüchterte, verängstige Menschen sind so ziemlich das genaue Gegenteil vom Ideal des aufgeklärten Staatsbürgers. Darüber hinaus brauchen wir andere politische Kräfte, für die eine menschenwürdige, gerechte Arbeitswelt nicht nur eine Floskel ist. Erfreulichweise hat sich in Baden-Württemberg in diesem Punkt jetzt etwas getan. Grün-Rot im Südwesten will beispielsweise ein Tariftreue-Gesetz für öffentliche Aufträge verabschieden – bisher undenkbar hierzulande. Es ist ein wichtiges politisches Signal, zu sagen, wir wollen nicht Betriebe unterstützen, die mit Dumpinglöhnen von drei oder vier Euro kalkulieren, was dazu führt, dass diejenigen, die faire Löhne zahlen, dauerhaft vom Markt verdrängt werden.

NRWZ: Wäre das aus Ihrer Sicht der wichtigste arbeitsmarktpolitische Schritt?

Beispielsweise muss die Leiharbeit auf ihren ursprünglichen Sinn zurückgeführt werden, nämlich, Auftragsspitzen abzufangen; Leiharbeit war ja nie als Billigarbeit konzipiert, also als Instrument, die Lohnkosten zu drücken. Wir müssen auch den Unsinn mit den Minijobs abschaffen, die übrigens eine Einladung zur Schwarzarbeit sind, weil viele Arbeitnehmer wesentlich mehr arbeiten, was aber nirgendwo dokumentiert ist. Wir müssen die befristeten Arbeitsverträge abschaffen, die dazu führen, dass Neuzugänge tatsächlich eine Probezeit von 24 Monaten haben; jeder zweite Arbeitsvertrag in Deutschland hat inzwischen ein Verfallsdatum. Und wir brauchen Mindestlöhne, damit die ab 1. Mai 2011 geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit für die mittel- und osteuropäischen Länder den Druck auf die Löhne in Deutschland nicht noch weiter erhöht.

NRWZ: Sie sind Betriebsrat. Aber deren Mitwirkungsrechte werden vielfach unterlaufen. Was gibt es auf der betrieblichen Ebene für Möglichkeiten, der „Re-Brutalisierung“ der Arbeitswelt Tendenzen entgegen zu wirken?

Im deutschen Arbeitsrecht ist die Menschenwürde zwar zu achten, aus ihr sind aber keine weitreichenden Schutzrechte zu entnehmen. Und m Betriebsverfassungsgesetz, der Grundlage unserer Arbeit als Arbeitnehmervertreter in den Unternehmen, fehlen konkrete kollektivrechtliche Durchsetzungsmöglichkeiten. Nur der Betroffene kann klagen, was dann meistens wegen der Angst um den Arbeitsplatz nicht geschieht. Die Belegschaften sind im Machtkampf mit dem Arbeitgeber um einen gerechten Ausgleich der Interessen also strukturell unterlegen. So führen wir einen Kampf um gute Arbeitsbedingungen und fairen Lohn, bei dem wir oft das Nachsehen haben. Dennoch treten wir immer wieder an.

Interview zum 1. Mai vom 30. April 2011 in der NRWZ (Neue Rottweiler Zeitung) Nr. 15, S. 16/17